Friday, March 12, 2010

No Man's Land


Net 1, 3m*2m, acrylic on canvas, 2010

Christiane Opitz
Space is not enough
Über Soo Jung Chois Ausstellung No Man’s Land

Der Raum wirkt größer als seine tatsächlichen Begrenzungen. Viel größer als ein durch Architektur beschränkter Bereich mit Wänden, Boden, Decke sein kann. Er wächst über sich hinaus, öffnet sich, scheint seine Begrenzungen hinter sich zu lassen. In Soo Jung Chois Ausstellung im Künstlerhaus werden die Wände zu transparenten Oberflächen, durch die man hindurch zu sehen glaubt. An zwei einander gegenüber stehenden Wandflächen hat die Künstlerin je zwei großformatige Malereien auf Leinwand montiert. Auf beiden Arbeiten aus ihrem Werkzyklus Treasure Island (Bait I und Bait II, 2010) treiben allerlei Dinge im schwarzen All und verdichten sich zur Bildmitte hin. Rätselhafte Muster und Strukturen, Blumen, Schuhe, Bälle, Tiere, pilzartige Gewächse und Figuren sind da zu sehen, die durch ihre schrille Farbigkeit aus dem dunklen Sternenhimmel hervorstechen, als wären sie selbst Planeten, Raumschiffe oder Überbleibsel aus einer längst untergegangenen Welt. Manche dieser Dinge bleiben unkonkret, abstrakt, deutungsoffen, während andere deutliche Verweise darstellen, beispielsweise jener Rundbogendurchgang – ein winziges Detail in der zwei mal zwei Meter großen Arbeit –, der den Blick auf einen gekachelten Boden und einen Säulengang freigibt: Choi spielt hier mit einem Raum-im-Raum-Phänomen. Bei längerer Betrachtung der Arbeit ist es fast so, als würden da Hunderte kleiner Dinge aufgrund erhöhter Gravitation im Zentrum als Materiekugel gebündelt, bevor sie in ein imaginäres schwarzes Loch hinein gesogen werden.

Die Fläche der Leinwand allein durch malerische Mittel aufzubrechen wäre der koreanischen Künstlerin jedoch nicht genug. So hat Choi die Leinwände der Treasure Island-Bilder mehrfach mit Nadel und Faden durchstochen, so dass neben den gemalten Details auch aufwendig genähte Stoff-Cluster Teile der Oberfläche besiedeln. Sie ist also auch physisch, indem sie die Leinwand durchstößt und damit die illusionäre Bildebene bricht, in „unendliche Weiten“ hinter der Leinwand vorgedrungen. Zudem – und hier wird die fantastische Ambivalenz der Arbeiten Chois deutlich – betont sie mit der Stickerei doch auch die Fläche und holt so den Blick aus der Ferne zurück in die Zweidimensionalität.

Die anderen Bilder im Ausstellungsraum, den die Künstlerin per Titel zum No Man’s Land erkoren hat, sind im Gegensatz zur konzentrierten Ballung auf Treasure Island eher durch netzartige Strukturen gekennzeichnet. Auch auf der zweiteiligen Arbeit Floccinaucinihilipilification (Net 1und Net 2, 2010) tauchen alltägliche Dinge auf, die zu den violett-weißen Wolkenstrukturen im Hintergrund nicht recht passen wollen und wie Fremdkörper wirken. Auffällig ist die Häufung wiederkehrender Motive – Blumen, Skelette, Vögel, Sitzgelegenheiten aller Art, Bäume, Harlekine, Soldaten –, die in unregelmäßigen Abständen auftauchen, dabei aber einer geheimen, mathematischen Logik zu folgen scheinen. Durch die Loslösung aus ihrem ursprünglichen Kontext werden die Zeichen leer, ausgehöhlt, auf Symbole ohne jegliche Bedeutung reduziert. Eine beabsichtigte Strategie, um alles, was Sinn macht, zu eliminieren und um dem Betrachter im wahrsten Sinn des Wortes den (Interpretations-)Boden unter den Füßen wegzureißen. Die 32-Jährige, die sich eher als „Produzentin von Bildersystemen“ denn als Malerin versteht, gibt weder die Quellen ihrer Bildideen preis, noch erklärt sie, wie die Dinge untereinander und zueinander funktionieren. Viele der auf den Bildern dargestellten Artefakte – etwa Vasen, Gefäße oder Statuen – sind ihr, so viel verrät sie, in historischen Museen in Berlin und anderswo in Deutschland begegnet. Sie verleihen dem traumhaften Netz aus Objekten, das sich vor einem vagen Himmel abzeichnet, trügerische Stabilität, die durch die Beständigkeit jener von Menschen gefertigten Ikonen suggeriert wird.

Die Idee des Netzes, die die Künstlerin hier entspinnt, ist spannend vor allem angesichts der Deutungsoffenheit. Zum einen ist dieses Gebilde ja ein Mittel zum Einfangen von Etwas, das je nach Maschenformat unterschiedlich große Dinge hindurch lässt und somit als Filter oder Sieb funktioniert. Aber es bleibt eben auch etwas darin hängen – hierfür wurde es schließlich erfunden. Die Philosophen Deleuze und Guattari haben sich mit der Netz- beziehungsweise Wurzelstruktur als poststrukturalistischem Model beschäftigt. Ihr Konzept der Rhizomatik ging in zahlreiche wissenschaftstheoretische, medienphilosophische und kulturwissenschaftliche Diskurse ein. Da das Rhizom immer neue Verästellungen ausbildet – und somit wie ein Netz immer wieder neu zu knüpfen ist – können, kurz gesagt, Dichotomien zur Erklärung des Wirklichen nicht länger greifen – was nicht nur in politischer Hinsicht ein enormes Potenzial birgt. Nicht zuletzt ist „das Netz“ heute ein Synonym fürs Internet, also für die globale Informations- und Kommunikationsverknüpfung wie zum Beispiel auch die vieldiskutierten „social networks“. Die Künstlerin bezieht all diese Überlegungen in ihre Arbeit mit ein. Sie ist aber auch von der halbdurchlässigen Struktur des Netzes fasziniert: Als eine zarte, luftige Konstruktion, die gleichzeitig fest und stabil, aber auch offen genug sein muss, um ihre Beute – vielleicht Tiere, vielleicht aber auch Ideen, Gedanken, philosophische Überlegungen – festzuhalten. Inmitten der Ausstellung findet sich daher ein geknüpftes Netz, das durch Lichteinfall auch als Schattenriss auf dem Boden projiziert wird. Außerdem verweist Choi mit dem zusätzlichen Titel Bait (Köder) für die Treasure Island-Arbeiten darauf, dass es in ihrem „Niemandsland“ nicht um romantische Schatzsuche geht, sondern um Jagd – wenn auch nicht im tödlichen Sinn. Vielmehr ist eine Art metaphysisches Spiel gemeint, das sich zwischen Künstlerin, Betrachter und Werk entwickelt und in dem es um Wahrnehmung und Grenzbefragungen geht. Letztere werden von der Süd-Koreanerin Choi, die ja in einem geteilten Land aufwuchs, selbstverständlich auch unter politischen Aspekten gedacht.